Mehr als Business Value: Wie Product Owner Wert heute ganzheitlich verstehen können

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“Der:die Product Owner:in ist verantwortlich für die Maximierung des Wertes des Produkts.” Diese Aussage aus dem Scrum Guide ist klar, und zugleich offen für Interpretation. Denn was genau ist eigentlich Wert?

Oft wird Wert vor allem über Business KPIs, Features oder Effizienz definiert. Diese Perspektive greift jedoch zunehmend zu kurz. Produkte wirken nicht nur auf Kund:innen und Organisationen, sondern auch auf Umwelt und Gesellschaft. Für Product Owner entstehen daraus eine erweiterte Verantwortung und ein zusätzlicher Gestaltungsraum.

Was bedeutet Wert für Product Owner heute?

Traditionell optimieren Product Owner Wert aus zwei Perspektiven:

  • Wert für Kund:innen: Nutzen, Problemlösung, Zufriedenheit
  • Wert für die Organisation: Umsatz, Wachstum, Wirtschaftlichkeit

Nur wenn der Product Owner in der Lage ist, Wert aus diesen zwei Perspektiven zu erzeugen und zu steigern, kann das Produkt erfolgreich sein. Fehlt der Wert für den Kunden, wird das Produkt nicht konsumiert und genutzt. Schaffen wir keinen Wert für die Organisation, hat diese keinen Grund, das Produkt weiter zu entwickeln. Und oft kann sie es nicht einmal, weil die wirtschaftliche Basis fehlt, mit der das Produkt finanziert wird.

Diese Logik ist weiterhin gültig, sie ist aber nicht vollständig.

Produktverantwortung zwischen Markt, Organisation und Wirkung

Produkte entfalten Wirkung über ihren unmittelbaren Nutzen hinaus. Sie beeinflussen Konsumverhalten, Ressourcennutzung und gesellschaftliche Entwicklungen. Wert für Umwelt und Gesellschaft war lange kein expliziter Teil der Produktverantwortung - weder im Alltag vieler Product Owner noch in gängigen Modellen.

Das ändert sich spürbar:

  • Impact-getriebene Ansätze und Nachhaltigkeitsziele gewinnen an Bedeutung (z.B. Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG) der UN)
  • Regulatorische Anforderungen nehmen zu (z.B. Nachhaltigkeitsberichtspflichten, Lieferkettengesetz, Arbeitsschutz, soziale Standards)
  • Vor allem aber: Kund:innen erwarten zunehmend verantwortungsvolle Produkte

Wert für Gesellschaft und Umwelt wird damit zu einem relevanten Faktor im Markt. Und damit wird er auch für Product Owner immer wichtiger.

Nachhaltigkeit als Teil professioneller Produktarbeit

Die entscheidende Frage lautet daher: Wo können Product Owner Nachhaltigkeit konkret in ihre Arbeit integrieren ohne Scrum zu verändern?

Unsere Erfahrung zeigt: Die wirksamsten Hebel liegen in bestehenden Entscheidungen, die Product Owner ohnehin treffen.

Product Vision: Wirkung explizit machen

Die Product Vision beschreibt, warum ein Produkt existiert. Product Owner können hier Nachhaltigkeit berücksichtigen, indem sie Wirkung bewusst mitdenken:

  • Welche positive Wirkung soll das Produkt langfristig entfalten?
  • Welche negativen Effekte nehmen wir in Kauf?
  • Für wen schaffen wir Wert?
  • Und für wen möglicherweise Kosten?

Es geht nicht um moralische Statements, sondern darum, Wirkung sichtbar statt implizit zu machen.

Product Backlog und seine Reihenfolge: Annahmen offenlegen

Im Product Backlog wird Wert konkret. Jede Veränderung der Reihenfolge ist eine Entscheidung darüber, welche Annahmen wir haben und wie wir diese bewerten.

Nachhaltigkeit lässt sich integrieren, indem Product Owner:

  • Nachhaltigkeitsaspekte als explizite Annahmen behandeln
  • Auswirkungen und Risiken neben Nutzen und Aufwand berücksichtigen
  • Zielkonflikte bewusst diskutieren statt unbewusst entscheiden

Nicht jede nachhaltige Entscheidung liefert sofort mehr Output. Manche reduzieren Risiken oder langfristige Kosten. Auch das ist Wert.

Ziele und Erfolg: Wirkung beobachten

Was nicht Teil von Zielen ist, wird selten ernsthaft verfolgt. Product Owner können Nachhaltigkeit berücksichtigen, indem sie:

  • Ziele stärker auf Outcomes als auf Output ausrichten und damit die Wirkung in den Vordergrund stellen
  • ihre Annahmen zu diesen Wirkungen explizit formulieren und überprüfen
  • akzeptieren, dass Wirkung oft zeitverzögert sichtbar wird

Dabei gilt derselbe empirische Grundsatz wie überall in Scrum: Transparenz, Überprüfung, Anpassung.

Wirkung statt Perfektion messen

Nachhaltigkeit scheitert oft am Anspruch, alles exakt messen zu wollen. In der Praxis sind qualitative und relative Indikatoren häufig hilfreicher als perfekte Kennzahlen, um etwa Veränderungen im Nutzungsverhalten oder bewusst gemachte Zielkonflikte sichtbar zu machen.

Die Perspektive aufs Messen verändert sich dabei: weg von einer exakten Beurteilung und hin zur Verringerung von Unsicherheit und Unwissen.

Wirkung ernst nehmen heißt nicht, sie zu über-formalisieren.

Zielkonflikte bewusst gestalten

Nachhaltigkeit bringt Spannungen mit sich: kurzfristiger Erfolg vs. langfristige Wirkung, Kosten vs. Verantwortung. Diese Konflikte verschwinden nicht, Product Owner können aber entscheiden, wie bewusst sie damit umgehen.

In der Zusammenarbeit mit den Stakeholdern können Product Owner diese Zielkonflikte transparent machen und einen breitere Diskussion anstoßen, welcher Aspekt für die Organisation in der jetzigen Situation gerade wichtiger ist. Üblicherweise gibt es keine perfekten Lösungen und Kompromisse sind oft weichgespülte Lösungen, die niemanden mehr zufrieden stellen. Solche schwierigen Entscheidungen trotzdem konsequent zu treffen und dahinter zu stehen, ist Teil der Verantwortung des Product Owners.

Gerade hier zeigt sich professionelle Produktverantwortung.

Ein laufender Lernprozess

Nachhaltigkeit in der Produktarbeit ist kein einmaliges Projekt, sondern ein kontinuierlicher Lernprozess. Er beginnt mit besseren Fragen, nicht mit fertigen Antworten.

Aus diesem Grund haben wir begonnen, diese Perspektiven systematisch zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Wir setzen diese Werkzeuge und Methoden nicht nur in unserer täglichen Arbeit mit Product Ownern ein, sondern binden diese auch in unsere Professional Scrum Product Owner Trainings ein. Schau Dir gerne mal um und wenn Du Fragen hast, melde Dich gerne unter info@n-abler.de.